RVK-Forum 2016 

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Vertrauensarzt – Richter in Weiss? 

Luzern, 28. April 2016 

Vertrauensärzte fällen ihr Urteil gemäss der gesetzlichen Regelung unabhängig von Versicherern, Leistungserbringern und Patienten. Trotzdem stehen die Vorwürfe der fehlenden Unabhängigkeit und Gleichbehandlung immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit und Politik. Braucht es dafür eine unabhängige, externe Organisation, wie sie Nationalrätin Bea Heim in einem Postulat fordert? Am RVK-Forum vom 28. April 2016 diskutierten hochkarätige Experten die Vor- und Nachteile von integrierten und delegierten Systemen und beleuchteten sie aus verschiedenen Blickwinkeln. Rund 200 Fachleute aus dem Gesundheitswesen verfolgten die spannende Debatte, die von Hannes Blatter, Geschäftsführer Luzerner Forum für Sozialversicherungen und Soziale Sicherheit, moderiert wurde.

Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, hat als ehemalige Nationalrätin das Postulat von Bea Heim mitunterzeichnet und forderte eine unabhängige, professionelle Beratungs- und Schlichtungsstelle für alle Beteiligten. Nach dem Sprichwort: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ seien Vertrauensärzte nicht unabhängig genug. Zudem fallen Expertisen in Einzelfällen bei verschiedenen Krankenkassen oder Regionen unterschiedlich aus. Dies liegt auch daran, dass der Entscheider schlussendlich nicht der Vertrauensarzt, sondern die Leistungsabteilung der Krankenkasse ist. Kessler schlägt deshalb vor, dass die Vertrauensärzte als unabhängiges Organ die Entscheidkompetenz in komplizierten Fällen erhält und die Krankenkassen aufgrund dieser Expertise die Leistungen erbringen.

Prof. Dr. iur. Tomas Poledna, Rechtsanwalt Poledna RC, erörterte in seinem Referat den rechtlichen Blickwinkel des Vertrauensärztlichen Dienstes und kommt zum Schluss, dass dieser für die Unabhängigkeitsvorgabe eigentlich nur ausserhalb des Einflussbereichs einer Krankenkasse angesiedelt werden darf, so wie dies beim Modell des RVK schon umgesetzt ist. «Denn der Vertrauensarzt kann kein Organ sein, wenn er organisatorisch abhängig von einem anderen Organ ist. Die Parlamentarier sind schliesslich auch nicht Angestellte des Bundesrates», so Poledna.

In der Podiumsdiskussion zum Thema «Vertrauensarzt – Richter in Weiss» diskutierten am Vormittag Margrit Kessler (Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz), Dr. med. Jürg Zollikofer (Schweizerische Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte SGV), Daniel H. Schmutz (Helsana Gruppe), Prof. Dr. med. Hans-Florian Zeilhofer (Universitätsspital Basel/Kantonsspital Aarau) und Dr. med. Reto Kölbli (Vertrauensarzt beim RVK). Die Teilnehmer analysierten die medizinischen und ökonomischen Aufgaben des Vertrauensärztlichen Dienstes. Dr. med. Jürg Zollikofer von der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte SGV benutzte den Begriff «Hammer und Amboss» und meinte damit die Stellung der Vertrauensärzte zwischen den Leistungserbringern und den Krankenkassen. Einig waren sie sich darin, dass ein vermehrter Austausch zwischen allen Akteuren in Zukunft immer wichtiger wird, zum Beispiel in Form eines runden Tisches. Auch die Selbstständigkeit der Vertrauensärzte soll künftig gefördert werden – unabhängig davon wie der Vertrauensärztliche Dienst auf operativer Ebene organisiert ist.

Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS), ging mit seinem Referat dem Ansatz und den Erfahrungen in Deutschland nach: Denn auch in Deutschland wird trotz Verselbständigung dieses Dienstes immer wieder über die Unabhängigkeit der MDKs diskutiert, vor allem in Bezug auf mehr Wettbewerb und einer möglichen Institutionslösung. Das Grundkonstrukt eines gemeinschaftlichen Medizinischen Dienstes aller Kranken- und Pflegekassen mit fachlicher Unabhängigkeit hat sich jedoch bewährt.

Dr. ès. sc. Nicholas Bornstein, Senior Projektleiter W.I.R.E., zeigte neue Thesen zur Zukunft des Vertrauensarztes auf. Mit der Digitalisierung werden die Patienten stärker involviert und somit erhöht sich auch ihr Anspruchsdenken. Moderne Diagnostik ermöglicht, den Patienten künftig selber ihren Gesundheitszustand zu vermessen und geeignete Therapien ausfindig zu machen, was zu einem besseren Verständnis von Krankheiten und erhöhter therapeutischer Präzision führen kann. Trotzdem wird es weiterhin Mediziner brauchen, da Computer auch an ihre Grenzen stossen.

Am Nachmittag erörterten auf dem Podium Cornelia Gnädinger (Novartis), Prof. Dr. med. Markus Borner (Spitalzentrum Biel/Inselspital Bern) sowie Dr. med. Reto Kölbli (Vertrauensarzt beim RVK) die zukünftige Rolle des Vertrauensarztes. Cornelia Gnädinger von Novartis ist überzeugt, dass eine weitere Instanz die Probleme nicht lösen würde – denn die Ärzte wären bei der Prüfung von Einzelfällen weiterhin unterschiedlicher Meinung. Einig waren  sich die Podiumsteilnehmer auch darin, dass der Vertrauensarzt in Zukunft viel mehr im Dialog mit anderen Akteuren stehen sollte, da die Anforderungen an die Vertrauensärzte immer komplexer und anspruchsvoller werden.

Für Charles Giroud, Präsident des RVK, haben die Diskussionen anlässlich des RVK-Forums gezeigt, dass sich die Haupttätigkeit des Vertrauensarztes vor allem durch den Begriff «Arzt» und «Vertrauen» auszeichnen sollte. Durch zunehmende Spezialisierung und Individualisierung der Medizin braucht der Vertrauensarzt künftig noch mehr Kompetenz für eine kompetente Beurteilung. Um sich das Vertrauen immer wieder zu verdienen, muss er unabhängig, ethisch, moralisch und fair entscheiden, damit eine Gleichbehandlung sichergestellt werden kann. Eine Entscheidkompetenz soll dem Vertrauensarzt hingegen nicht gegeben werden. «Aus Sicht des RVK sind wir mit unserem unabhängigen Vertrauensärztlichen Dienst damit auf gutem Weg.»

 

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